Siebel: Darmstadt braucht mehr Bildungsgerechtigkeit

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29.04.2019 \|
**SPD fordert Kurskorrekturen an der Ausrichtung der Bildungslandschaft
in Darmstadt:** Nach Auffassung der SPD Stadtverordnetenfraktion stellt
der erste Bildungsbericht  eine gute Aufarbeitung des bestehenden
Zahlenmaterials dar. Die Stadt hat mit Stakeholdern und Bürger\*innen
einen Beteiligungsprozess zur Erarbeitung von Konsequenzen aus dem
Bildungsbericht begonnen. „Jetzt beginne aber erst die Arbeit“, sagte
der auch für Bildungsfragen zuständige Stadtverordnete Tobias Reis.  Die
SPD habe sich auf den Weg gemacht und 6 Konsequenzen aus dem Bericht
gezogen. Diese Stellungnahme wird die SPD Fraktion hiermit in die
weitere Diskussion mit allen Beteiligten einbringen.

„Wir brauchen mehr Bildungsgerechtigkeit. Unsere wichtigsten Forderungen
sind deshalb: Die besten Schulen müssen dort entwickelt werden, wo durch
soziale Ungleichheit die Kinder am meisten und besten gefördert werden
müssen. Das ist dort, wo der Sozialindex ungünstig ist, wo viele
vornehmlich nicht-deutschsprachige Familien und Alleinerziehende leben“,
sagte Siebel. Deshalb ist auch die Forderung konsequent, dass die
Sprachkompetenz ausgebaut werden muss und die nächste weiterführende
Schule eine integrierte Gesamtschule sein muss“, so Siebel.

Für Tobias Reis ist besonders erschreckend, dass 20% der Schüler\*innen
in der Dualen Ausbildung keinen Abschluss erreichen. „Deshalb brauche
wir hier eine Offensive zur Förderung der Dualen Ausbildung. Das
betrifft vornehmlich auch die, für die unsere Partei da ist“, sagte
Reis.

Schließlich müsste der non-formalen Bildung mehr Raum gegeben werden und
hauptsächlich Verbindlichkeit. „Wir verlieren uns zu sehr in
Projekttitis. Beispielsweise muss Medienpädagogik in allen non-formalen
Bildungseinrichtungen fester Bestandteil sein“, so Siebel.

Die beste Methode, eine Bildungslandschaft gerecht zu entwickeln, ist
nach Aussage der SPD auch hier der sozialräumliche Ansatz. Deshalb setzt
sich Siebel auch für die sogenannte aufsuchende politische
Bildungsarbeit in Darmstadt ein.

Die Forderungen der SPD im Einzelnen:

1. Der Bildungsbericht hat gezeigt, dass die Verweildauer von Kindern
mit vorwiegend nichtdeutscher Familiensprache deutlich geringer ist
als von Kindern, die aus Familien mit vorwiegend deutscher Sprache
kommen. 23% der Kinder mit nichtdeutschem
Familiensprachenhintergrund besuchen den Kindergarten weniger als 4
Stunden und 77,6% besuchen den Kindergarten weniger als 10 Monate.
Die Sprachkompetenz korreliert direkt mit dem Migrationshintergrund
und der Verweildauer im Kindergarten.

Dazu kommt, dass circa 50% der Kinder, deren Eltern SGB II beziehen in 6
Stadtteilen leben. Da Bildung immer noch stark von der Sozialen Herkunft
abhängig ist, muss man früh genug ansetzen, um eine Chancengleichheit
herstellen zu können.

Zur Förderung der Sprachkompetenz im frühen Kindesalter muss gerade für
diese Kinder die Verweildauer im Kindergarten verlängert werden.

– Vorlaufkurse zur Verbesserung der Deutschkenntnisse
– Beratung über das deutsche Bildungs- und Schulsystem
– Obligatorische Sprachförderung an allen Kitas
– Alle Kitas zu Familienzentren machen

1. Es gibt in Darmstadt eine Reihe von non-formalen und informellen
Lernformen und Lernorten. Das Jugendbildungswerk, die
Mitgliedsorganisationen des Stadtschülerinnenrats aber auch viele
weitere Träger engagieren sich mit Projekten und Maßnahmen. Dazu
gehören auch Ferienspiele, das Umwelt- und das Mediendiplom. Aber
die außerschulische, non-formale und informelle Bildungsarbeit wird
häufig dann aufgerufen, wenn „etwas vorgefallen“ ist. Das gilt für
den Medienbereich (Storking) wie auch für normverletzendes Verhalten
von Jugendlichen.

Wir wollen eine systematische Förderung der non-formalen Bildungsarbeit
und des informellen Lernens. Dazu müssen die Daten des Bildungsberichts
weiter verbessert werden um qualitative Interviews und eine Erhebung
informeller Lernorte in Darmstadt.

– Förderung aufsuchender politischer Bildungsarbeit
– Identifikation von informellen Lernorten
– Ausbau der bestehenden Strukturen (JBW, freie Träger,
Medienbildung…)

1. Im Hinblick auf die Entwicklung der Schüler\*innenzahlen muss eine
verlässliche Datengrundlage geschaffen werden. Die Stadt muss sich
im Hinblick auf die tatsächlichen Entwicklungen der
Schüler\*innenzahlen ehrlich machen. Die Zahl von 700 – 800
zusätzlichen Schüler\*innen in den Grundschulen basiert auf dem
Erhebungsjahr 2016 (ohne Zuzug). Außerdem sin in den letzten Jahren
Fachräume zu Klassenräumen an Grundschulen umgebaut werden. Dies ist
vor allem unabdingbar, da bis zum Jahr 2030 ein Bevölkerungswachstum
von 15 % prognostiziert wird.

Wir gehen davon aus, dass nach einer erneuten Datenerhebung ein
erheblich größerer Bedarf an Grundschulneubauten angegangen werden muss,
als die zu Zeit bearbeitet wird. Deshalb müssen weitere
Grundschulstandorte entwickelt werden

– Entwicklung neuer Raumkonzepte für Grundschulen, die dem Ausbau des
Pakts für den Nachmittag entsprechen und geschlossene Konzepte der
Ganztagsschulentwicklung ermöglichen
– Identifikation neuer Grundschulstandorte um den tatsächlichen Bedarf
an Grundschulplätzen in Darmstadt zu decken

1. Wir können feststellen, dass die Schulbezirke mit hohem Anteil von
Migrantenkindern in Stadtteilen liegen, in denen im Rahmen der
Sozialberichterstattung auch ungünstige Sozialindizes gemessen
wurden. Dies deutet darauf hin, dass zwischen Migrationshintergrund,
Armut (z.B. alleinerziehende Mütter und Väter) und Wohnort ein
Zusammenhang besteht.

Diese Stadtteile müssen mit besonders guten Kitas und Schulen
ausgestattet werden. (Beste Schulen dort, wo Armut bekämpft werden
muss). Förderprogramme der Stadt (und des Landes) müssen sich am
Sozialindex orientieren.

– Ausstattung aller Bibliotheken an den 5 Schulen in diesen Stadteilen
mit Bibliotheken
– Sonderzuweisungen von Stellen der Schulsozialarbeit an diese Schulen
– Verbesserte Förderung in allen Programmbereichen (nicht Gießkanne)
– Die nächste weiterführende Schule in Darmstadt muss eine Integrierte
Gesamtschule sein (65% der Schüler\*innen in Darmstadt besuchen ein
Gymnasium, Hessendurchschnitt 50%)

1. 20% der Schüler\*innen in den dualen Ausbildungsgängen erreichen
keinen Abschluss. Gleichzeitig sinkt (-7%) die Zahl der
Berufsschüler\*innen die dual ausgebildet werden. All jene, die
einen Hochschulzugang anstreben (+14%) steigt.

Wir brauchen deshalb eine neue Offensive zur Förderung der dualen
Ausbildung in Darmstadt

– Die Berufsschulen müssen zügig ausgebaut und verbessert werden
– Wir brauchen einen gemeinsamen Berufsschulentwicklungsplan mit den
Landkreis Darmstadt Dieburg
– Gemeinsam mit der Handwerkskammer und der IHK und den jeweiligen
Innungen müssen Ausbildungsberufe wieder attraktiver gemacht werden
– Des Weiteren muss das Ziel sein, einen zentralen und vor allem
digitalen Ausbildungskatalog zu schaffen. Hintergrund ist, dass sich
junge Leute fast ausschließlich online informieren und eher weniger
Informationen durch etwaige Ausbildungsmessen in Betracht ziehen.

1. Die Übergänge zwischen unterschiedlichen Bildungseinrichtungen sind
unzureichend. Das belegen alle Zahlen des Bildungsberichts. Zwar
gibt es löbliche Einzelprogramme wie OLOV oder JUSTiQ, aber die
Übergänge zwischen Kindergärten und Grundschule, zwischen
Grundschule und weiterführenden Schulen und Berufsschulen und
zwischen Schulen in Ausbildung oder Beruf sind mangelhaft entwickelt

Wir brauchen ein strukturiertes Übergangsmanagement das folgende
Elemente enthalten muss:

– In Anlehnung an die Tandem Modelle die als Projekte aus dem
Bildungs- und Erziehungsplan hervorgegangen sind brauche wir für
alle Kitas und alle Grundschulen ein verbindliches
Übergangsmanagement
– Gerade für bildungsferne Schichten brauche wir an der Schnittstelle
zwischen Grundschule und weiterführender Schule Beratung über die
unterschiedlichen Bildungsgänge.
– Während der Schulzeit in den weiterführenden Schulen muss es neben
den obligatorischen Berufspraktika eine individuelle
Übergangsbegleitung für alle Schüler\*innen geben.